“JTB SCHAFFT DEUTSCHLAND AB” – ES GIBT EIN BUCH ÜBER UNS!

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Marie Güsewell, Kulturwissenschaftlerin, hat ein Buch über das JTB geschrieben. Und weil keiner besser über das Buch Bescheid weiß als sie selbst, stellt Marie es Euch hier vor

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Marie Güsewell: „JTB schafft Deutschland ab“. Postmigrantisches, politisches Theater im Jugendtheaterbüro Berlin (JTB) kann man hier kaufen

Als ich im Sommer 2012 zum ersten Mal zum JTB kam, hatte ich verschiedene Fragen im Kopf, auf die ich mögliche Antworten suchte: Wenn du immer von anderen zu etwas gemacht wirst, was du gar nicht sein kannst und sein willst; wenn du für einen großen Teil der Gesellschaft in dem Land, in dem du lebst, die/der Andere bist, die/der Fremde… – Wie gehst du damit um? Was setzt du dem entgegen? Wie kann mensch sich dagegen wehren, von Anderen benannt, beschrieben, ‚gemacht‘ zu werden? Welche Formen und Mittel gibt es, um selbst hörbar und sichtbar zu werden – sich selbst zu ‚machen‘ und zu (re)präsentieren?

Im JTB fand ich einen Ort, an dem mit Theater kreativer Widerstand geübt wird gegen stereotypisierende, ausgrenzende und rassistische Zuschreibungen. Eine Bühne, auf der die eigenen Themen, Realitäten und Geschichten künstlerischen Ausdruck finden. Vom Sommer bis kurz nach dem Festiwalla 2012 war ich so oft wie möglich im JTB, hatte immer einen Stift und ein Notizbuch in der Hand, begleitete vor allem die Proben zu den Stücken Arab Dream und Wer macht die Regie, beobachtete und notierte. Aus diesen Beobachtungen und Beschreibungen von Improvisationen, Szenen, Probensituationen, Körperübungen, Diskussionen, Gesprächen, Erzählungen… ist das Buch „JTB schafft Deutschland ab“. Postmigrantisches, politisches Theater im Jugendtheaterbüro Berlin (JTB) entstanden.

Ausgehend von lebendigen Beschreibungen untersuche ich die Theaterarbeit des JTB. Dabei gehe ich besonders auf das Verhältnis der Theaterarbeit zu stereotypisierenden, teilweise feindlichen und rassistischen Diskursen über Immigration, über Islam und Muslime, über Integration ein, die meistens von Vertreter_innen der sogenannten Mehrheitsgesellschaft in Deutschland geführt werden. Das Buch beleuchtet, was die Szenenaussage „Wir sind unsere eigenen Feinde. […] Wir sind die Feinde. Die Moslems“ bedeuten könnte. Ich beschreibe, wie in einer Szene ein Soziologe all jene Wissenschaftler_innen, Politiker_innen, Journalist_innen verkörpert, die falsche, stereotype Bilder von Menschen mit ‚Migrationshintergrund‘ zeichnen. Ich zeige anhand von szenischen Analysen auf, wie die Gesellschaft in ‚Ihr‘ und ‚Wir‘ gespalten wird. Und stelle dar, wie die Akteur_innen in ihrem Theaterspiel mit Stereotypen umgehen. Wie sie übertrieben, verzerrt, zugespitzt und ad absurdum geführt werden, bis in einer Figurenimprovisation Jovan so „integrationsgeil“ ist, dass er schon zu Ärzten gehen musste. Und wie so offenbart wird, dass Stereotype vereinfachend und abwertend sind. Dass sie dafür sorgen, dass Menschen zu ‚Anderen‘ werden. Dass sie ausgrenzend und verletzend sind. Und dass sie nie tatsächliche Menschen – Individuen – beschreiben können. Mein Buch geht der Ambivalenz auf die Spur, die mit der Frage nach nationaler Identität und Zugehörigkeit verbunden ist, und fragt sich, was passiert, wenn zwei Türkinnen auf der Bühne „türkisch machen“. Schließlich stellt es immer wieder heraus, auf welche spezifische Weise die Theaterarbeit des JTB politisch ist.

Das Buch ist eine kulturwissenschaftliche Arbeit. Ich beziehe mich auf verschiedene Theoretiker, unter anderem Jacques Rancière und Stuart Hall. Gleichzeitig ist es mit den vielen Beschreibungen und Zitaten anschaulich und gut lesbar geschrieben.