Stellungnahme des JugendtheaterBüros Berlin zur Sarrazin-Debatte

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Außerschulische Bildung und Förderung statt Ausgrenzung und Populismus. Das JugendtheaterBüro Projekt führt mit seiner Arbeit einen erfolgreichen Gegenbeweis zu Sarrazins Thesen.

Das JugendtheaterBüro Berlin sieht sich in Anbetracht des Medienwirbels um die Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ gezwungen, eine Stellungnahme abzugeben.

Die Initiative Grenzen-Los! e.V. und das JugendtheaterBüro Berlin wenden sich gegen die Verunglimpfung ganzer Bevölkerungsgruppen, besonders von so bezeichneten muslimischen Migrant_innen. Die von Sarrazin entfachte Debatte bedient rassistische und islamophobe Ressentiments abseits einer sachlich geführten, wissenschaftlich fundierten Diskussion. Mit der Debatte wurde ein neuer Tiefpunkt des rassistisch-antimuslimischen Diskurses in Deutschland erreicht.

Muslimische Migrant_innen werden aus einer vermeintlich ökonomischen Logik heraus als Bürde für Deutschland und als Gefahr für die „deutsche Kultur“ dargestellt. Sarrazin betreibt damit geistige Brandstiftung und spielt mit populistischen Klischees, die von breiten Bevölkerungsschichten zustimmend aufgenommen werden. Er trägt nichts dazu bei, ein respektvolleres, weltoffeneres Klima in diesem Land zu erzeugen. Seine Thesen führen im Gegenteil zu Ausgrenzung und Diffamierung.

Wir sind überzeugt davon, dass Menschen nicht determiniert werden durch ihre Gene, sondern betrachten die Bedeutung von Bildung, Teilhabe und künstlerischen Freiräumen für Jeden und Jede unabhängig von seinen/ihren sozialen und kulturellen Hintergründen als essentiell. Die Unterstellung, dass muslimische Migrant_innen integrationsunfähiger seien als andere Migrant_innen ist infam und verkennt die strukturellen Bedingungen.

Die Initiative Grenzen-Los! e.V. führt mit dem Projekt JugendtheaterBüro Berlin seit über einem Jahr sehr erfolgreich den Gegenbeweis zu Sarrazins Thesen.

In dem partizipativen, berufsorientierenden und bildungspolitisch weit gefächerten Projekt nehmen Jugendliche mit sehr verschiedenen Migratonshintergründen, viele auch aus einem muslimisch geprägten Milieu, teil. Die Jugendlichen haben selbst viele Ausgrenzungserfahrungen gemacht, haben zum Teil einen ungeklärten Aufenthaltsstatus und leben unter sehr schwierigen sozialen Bedingungen. Die Teilnehmer_innen haben bereits drei Produktionen zu verschiedenen Themen wie „Beruf & Berufung“, „Identität“ und „Hass und Liebe“ erarbeitet. Sie haben weitgehend selbstständig mit fachlicher Begleitung in den Bereichen Ensemble, Tanz, Musik, Bühnenbild, Kostüm, Ton, Film, Licht und Büro gearbeitet und Veranstaltungen organisiert. Diese wurden im Kiez und darüber hinaus sehr positiv wahrgenommen.

Als Höhepunkt des Projekts wird im Herbst 2011 ein selbstorganisiertes Jugendtheaterfestival „Festiwalla“ im Haus der Kulturen der Welt mit verschiedenen anderen Jugendtheatergruppen aus dem In-und Ausland aus anderen sozialen „Brennpunkten“ stattfinden.

Wir sind überzeugt davon, dass Inklusion nur gemeinsam mit allen Beteiligten gelingen kann und es dazu verschiedener integrativer Ansätze bedarf. Der Vielschichtigkeit von „Integrationsproblemen“, die größtenteils Struktur- und Bildungsprobleme sind, kann nicht mit plumpem Populismus begegnet werden.

Wir fordern ein verstärktes Engagement der Politik und Gesellschaft für Projekte wie das JugendtheaterBüro Berlin. Diese Projekte arbeiten permanent am Rande der finanziellen Machbarkeit. Wenn es der Politik ernst ist damit, dass „Integration das Thema der Zukunft“ ist, muss es mehr finanzielle Mittel und eine bessere Infrastruktur jenseits einzelner Prestigeprojekte geben. Nur so wird eine auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit angelegte Arbeit möglich sein.

Kürzungen im soziokulturellen Bereich sind kontraproduktiv, kurzsichtig und langfristig gefährlich, weil sie Jugendlichen die Chance verwehren, an gesellschaftlichen und künstlerischen Prozessen in dieser Gesellschaft teilzuhaben.

Berlin, den 07.09.2010

Stellungnahme des JugendtheaterBüro zur Sarrazin-Debatte (PDF)